Was Hänschen nicht lernt…

oder: Was macht eigentlich eine Welpenbetreuerin?

Eine oft unterschätzte, tatsächlich aber für die gesamte Entwicklung, sowohl eines einzelnen Hundes als auch des Hundesports- und Ausstellungswesens insgesamt enorm wichtige Funktion, ist die Welpenbetreuerin oder -trainerin.


TEXT Kirsten Breidenbach FOTOS Alexandra Zahn, Ilse Müller, Wolfgang Jünkersfeld

Vor Jahren waren es noch die privaten Hundeschulen, die den Wert der frühen Sozialisierung von Welpen erkannten und daraus ein Geschäftsmodell machten. Da die Zahl der „Ersthunde-Besitzer“ mit wenig oder gar keiner Erfahrung in der Hundehaltung stetig ansteigt im Verhältnis zu erfahrenen Hundehaltern, ist die Welpenbetreuerin sehr häufig auch die erste Ansprechpartnerin für „neue“ Hundeleute, die beseelt von besten Absichten, aber oftmals ungetrübt von jeglichem Vorwissen, mitunter sehr unerfahrene und vermenschlichte Vorstellungen von Hundeerziehung und -sozialisierung haben. „Unsere Welpenbetreuer sind oftmals in erster Linie Sozialpädagogen“, erklärt der RZV-Übungsleiter Anno Reifenrath mit Augenzwinkern. Deshalb hat der RZV schon frühzeitig die Funktion eines Beauftragten für Welpenschulen als zentralen Ansprechpartner für alle Welpenbetreuer und Vereine vor Ort geschaffen. Diese Aufgabe ist dem Zuständigkeitsbereich des RZV-Übungsleiter zugeordnet und wird derzeit sehr wirkungsvoll von Barbara Suchland aus Worpswede ausgeübt.

Heute gehört die fachkundig geleitete und durch RZV-Zertifizierung qualitätsgesicherte Welpengruppe zum Angebot eines jeden zukunftsorientierten Hundevereins, ganz gleich welche hundesportliche Ausrichtung er verfolgt. Dadurch unterscheidet sie sich von den eher kommerziell ausgerichteten privaten Hundeschulen. Daher ist es gelungen, bundesweit ein fast flächendeckendes Netz an Angeboten bereitstellen zu können, auf die unsere Züchter ihre Welpenkäufer verweisen, zum Wohle der Welpen und ihrer neuen Besitzer. Da werden dann Fragen zur Fütterung, zu Art und Umfang des „Gassi-Gehens“ bis hin zum richtigen Hundebett gestellt und auch beantwortet. In der Hauptsache aber geht es darum, die ganz jungen Hunde, die ja häufig wenig natürlichen Kontakt zu anderen Artgenossen haben, spielerisch an die notwendigen Umgangsformen heranzuführen, mit allen möglichen Umweltreizen vertraut zu machen und die Bindung zu Herrchen oder Frauchen zu fördern und zu vertiefen. Die ersten Vorübungen zum Zähne-Zeigen oder zum Abtastenlassen bilden die Grundlage für das spätere Ringtraining für Hundeausstellungen. Die verschiedenen Entwicklungsstufen eines Welpen werden altersgerecht aufgegriffen und spielerisch bearbeitet, sodass anschließend in der Junghundegruppe nahtlos auf dieser Grundlage aufgebaut werden kann.

Aber auch in anderer Richtung sind die Welpengruppen ganz häufig Karrierestarts: etliche Hundehalter lernen auf diesem Weg die Talente ihres Hundes und die ganz unterschiedlichen Facetten des Hundesports kennen. IGP, THS, Obedience, die verschiedenen Formen der Sucharbeit über Fährte bis Mantrailing oder Einsatzmöglichkeiten im Rettungshunde- oder Therapiebereich. Ein guter Welpenbetreuer wird daher neben den Talenten eines jungen Hundes immer auch die Interessen seines Hundeführers im Auge haben und entsprechende weiterführende Möglichkeiten anbieten.

Diese sehr breit gefächerte Tätigkeit einer Welpenbetreuerin setzt Erfahrung und Kompetenz voraus. Daher hat der RZV ein eigenes Welpenschulkonzept erarbeitet und in seiner Ausbildungsordnung einen eigenen Ausbildungsgang zum Welpenbetreuer vorgesehen. Voraussetzung ist neben der Volljährigkeit des Kandidaten, dass dieser bereits einen Hund erfolgreich mindestens bis zur Begleithundeprüfung ausgebildet und mindestens zehn Stunden in einer RZV-zertifizierten Welpenschule hospitiert hat. In Abstimmung mit dem jeweiligen Landesgruppen-Übungsleiter folgt dann die Ausbildung in Theorie und Praxis. Nach der Sachkundeprüfung steht das Fachseminar zur Welpenbetreuerausbildung mit Abschlussprüfung an. Alle zwei Jahre sind verpflichtende Fortbildungen zu absolvieren, um immer auf dem aktuellen Wissensstand zu bleiben.

Wer große Freude daran hat, unseren Nachwuchs und seine Hundeführer auf den richtigen Weg zu bringen, das nötige Feingefühl dafür mitbringt und sich für diese Ausbildung interessiert, meldet sich bitte beim jeweiligen LG-Übungswart oder bei der RZV-Welpen Beauftragten Barbara Suchland (). Sachkundeveranstaltungen Neu und Verlängerung werden in unserer Zeitschrift DER HOVAWART angekündigt.

„Was Hänschen nicht lernt …“

Interview mit Welpenbetreuerin Astrid Borges-Boemer (nachfolgend ABB) und der RZV-Beauftragten für den Welpenschul-Bereich Barbara Suchland (nachfolgend BS) über die Bedeutung der RZV Welpenschulen und dem Ausbildungsgang zum RZV-Welpenbetreuer.

DER HOVAWART: Astrid, Du betreust seit vielen JahrenWelpengruppen im RZV. Wie bist Du zu dieser Aufgabe gekommen?

ABB: Unser erster Hund war im Jahr 2000 der HovawartRüde Drago vom roten Mohn. Ich hatte vorher viel über unsere Rasse gelesen, die Züchterin einige Male besucht und beschlossen, wenn ich viel Spaß mit diesem Tier haben will, sollte ich mehr über Hundeführung lernen und das Hündchen (sie zwinkert) gut ausgebildet sein. Gestartet bin ich dann in der Welpenschule bei Sabine Keßler. Dort habe ich als Ersthundebesitzerin durch die professionelle Anleitung und in der Diskussion mit Menschen in der gleichen Situation Sicherheit in der Hundeführung und Spaß am Hundesport entwickelt.
Ich habe im SchH- (heute IGP-) Sport weitergearbeitet und auf meinem damaligen Hundeplatz in Sinsheim angefangen, den WelpenbesitzerInnen als Welpenbetreuerin die Unterstützung mit ihren Zwergen zu geben, die ich auch erhalten hatte. Seit unserem Umzug nach Norden ging es dann damit später weiter in Delmenhorst-Adelheide.

DH: Was ist Dir besonders wichtig bei der Arbeit mit den Hundebabys und deren Besitzern?

ABB: Das Wichtigste ist mir, dass Welpe und BesitzerIn ein Team werden und sich eine Verständigung zwischen den beiden entwickeln kann. Der HundeführerIn lernt seinen Hund zu lesen und kann seine vielen Fragen an uns Welpenbetreuerinnen und in der Gruppe loswerden und sehen, dass die anderen oft die gleichen Themen haben. Schön ist es auch, wenn die ganze Familie mit dabei ist, um zu schauen, was der Welpe macht und wie er lernt, Situation mit und ohne Unterstützung seines Besitzers zu meistern. Das Team kann etwas ausprobieren, da der Platz ja geschützt ist und er/sie Anleitung bekommt, das geht an einer belebten Hauptstraße nicht.
Der Welpe besteht jede Menge „Abenteuer“ mit seinem Hundeführer, was ihn stark und zuversichtlich macht, alle Dinge in seinem Leben lösen zu können. Der Spaß miteinander steht im Vordergrund, die Teambildung läuft nebenbei ab.
Die Welpenbesitzer:innen lernen andere Menschen auf dem Hundeplatz kennen und können schon einmal schauen, welchen Spaß Obedience, Agility, IGP-Sport, THS oder oder oder den Hunden macht und wie fröhlich sie dabei sind. Das weckt oft Interesse, auch später etwas mit dem eigenen Hund zu machen.
Und die Arbeit mit den anderen Welpenbetreuerinnen macht mir immer sehr viel Spaß.

DH: Wie oft pro Woche sollte ein Welpe von drei bis sechs Monaten in die Welpengruppe kommen und welche „Hausaufgaben“ gibst Du den Besitzern mit?

ABB: Wir bieten eine wöchentliche Welpenspielstunde an. Zuhause können die Besitzer:innen die Umweltgewöhnung (Bahn und Bus fahren, Begleitung ins Eiscafé oder Restaurant, Besuch auf dem Weihnachtsmarkt (vor Corona natürlich), Kindergruppen auf Spielplätzen, … ) wohl dosiert und abhängig von der Entwicklung des eigenen Welpen weiter „trainieren“. Wir geben Tipps, wie man das altersgerecht und ohne Überforderung machen kann.
Ab ca. der 20. Lebenswoche des kleinen Rackers – je nach Entwicklungsstand – steht der Wechsel in die Junghundegruppe an, wo bereits Erziehung angebahnt wird und das Hund-Mensch-Team mit Rückruf und dem Grundaufbau von Fuß, Sitz, Platz vertraut gemacht wird.

DH: Machst Du einen Unterschied im Welpentraining, wenn ein Besitzer den Hundesport als sein späteres Ziel ausgibt oder einen Ausstellungshund herausbringen will?

ABB: Sozialisierung und Umweltgewöhnung – auch mit gemeinsamen Ausflügen ins Eiscafé oder ein Einkaufszentraum mit ganz glatten Fliesen  – ist für alle ein Schwerpunkt. Wir hatten in Adelheide auch mal eine Polizeihundeführerin in der Welpengruppe.
Aber klar, wenn ein:e Besitzer:in schon ein bestimmtes Ziel hat, kann man oder muss man (Rettungshundausbildung) mit diesem Team anders arbeiten. Oft entwickelt sich die Orientierung, was das Team später macht beim Menschen ja Laufe der Junghundarbeit. Die Hauptsache ist ja, dass die Menschen etwas spannendes mit ihren Vierbeinern machen, was die Schnüffelnasen artgerecht auslastet.

DH: Wie verlief Deine Ausbildung zur Welpenbetreuerin ?

ABB: Ich habe meine Ausbildung in Gummersbach über zwei Wochenenden bei Frank Berges und Monika Eilhardt gemacht. Das war viel Theorie, aber immer wieder genug Zeit, mit den anderen 15 Welpenbetreuer-Anwärterinnen zu diskutieren und sich auszutauschen. Wir haben ja dann alle schon Praxis gemacht. Mittlerweile bin ich selber Lehrbeauftragte für Welpenbetreuer:innen.

DH: Barbara, Du bist die zentrale Ansprechpartnerin für Hundeschulen auf den RZV-Plätzen. Bist Du mit der aktuellen Infrastruktur zufrieden oder haben wir noch „weiße Flecken“ auf der Deuschlandkarte?

BS: Die Plätze, auf denen eine RZV-Welpenschule angeboten wird, liegen sehr weit auseinander. Teilweise müssen die neuen Welpenbesitzer bis zu 100 km fahren, um an einer RZV-Welpenschule teilzunehmen. Dies ist doch vielen Welpenkäufern zu weit, sodass sie eine Hundeschule aufsuchen, die auch Welpenspielstunden anbieten, aber nicht nach dem Konzept unserer Welpenschule arbeiten. Die Welpenspielstunden haben natürlich auch Qualitäten, besonders in der Rassevielfalt, sollten aber genau auf ihre Inhalte betrachtet werden.
Mir ist leider keine Statistik bekannt, wie viele Welpenkäufer eine RZV-Welpenschule besuchen und wie viele auf Grund der weiten Wege sich keiner Gruppe anschließen.

DH: Mit welchen Fragen und Anliegen kommen die einzelnen Vereine und Plätze auf Dich zu, wo und wie kannst Du helfen?

BS: Am häufigsten geht es um die Frage wie die Plätze für die Welpenschule ausgestattet sein sollen. Sowohl in der Welpenbetreuerausbildung als auch in der Fortbildung werden an Hand von Fotos der schon bestehenden Gruppen die Spielgeräte, Gegenstände oder Platzbeschaffenheiten zeigen, Tipps zum Selbstbau, Bestelladressen, Anregungen gegeben. Da die Plätze sehr unterschiedlich sind – von einem abgetrennten Gelände nur für die Welpenstunden, bis hin zu mobilen Geräten, da nicht genügend Platz für einen abgetrennten Bereich besteht – geht es hier immer um Erfahrungsaustausch. Ein weiterer Punkt ist die Dokumentation und das Anschreiben an die Interessenten.

DH: Wie sieht es mit dem Nachwuchs für Welpenbetreuer aus und wie verläuft die Talentsuche?

BS: Leider konnte ja in 2020 auf Grund der Corona-Krise keine Ausbildung durchgeführt werden. Hier gab es bereits Anmeldungen für den angedachten Kurs. Insgesamt könnte es aber mehr Interessenten geben. Die Talentsuche muss über die einzelnen Plätze und Vereine laufen, in dem Menschen angesprochen werden, die dort mit ihrem Hund arbeiten und Freude am Umgang mit Welpen und Menschen haben.

DH: Kannst Du uns etwas über den Ausbildungsgang zum Welpenbetreuer sagen?

BS: Wenn es die Pandemie zulässt, wollen wir in diesem Jahr den Versuch machen in einem Wochenende, von Freitagmorgen bis Sonntagnachmittag die Ausbildung mit Abschlussprüfung durchzuführen. Bisher handelte es sich um 2 Wochenenden, dies war aber für die Interessenten ein großer zeitlicher Aufwand, da auch oft erhebliche Fahrwege dazu kommen. Das Unterrichtsmaterial wird dann im Vorfeld zugesandt und muss durchgearbeitet werden.
Um den Ausbilderschein zu erlangen, bedarf es einer 10maligen Hospitation bei einer bestehenden RZV-Welpenschule und die bestandene Prüfung des Basisseminars. Diese Punkte sind auch mit den Anmeldemodalitäten auf der Website des RZV nachzulesen

DH: Vielen Dank Euch beiden für das informative Gespräch!


Lesen Sie hierzu auch „Ja, zum Bauchgefühl“ (Wie finde ich eine gute Welpenstunde?)

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