Zuchtprüfungen | Teil 1

Die Nachzuchtbeurteilung

Genau genommen, ist die NZB gar keine Prüfung. Es handelt sich um die erste Beurteilung eines Hundes in Erscheinungsbild und Wesen. Das mag jetzt so klingen, als wäre eine Nachzuchtbeurteilung gar nicht so wichtig. Ist sie aber! Für Sie als Hovawartfreunde und für den Verein, der die Zucht der Hovawarte zum Ziel hat.


TEXT: Kerstin Tiemann (RZV-Team Zucht) FOTOS: RZV-Archiv

NUTZEN FÜR DEN BESITZER
Einerseits erfährt ein Hundebesitzer bei der Nachzuchtbeurteilung, ob sein Hund die Erwartungen an einen Hovawart erfüllt. Das ist in der Rassehundezucht sehr wichtig, denn sie unterliegt einem Standard. Mit Hunden, deren Erscheinungsbild erheblich vom Standard abweicht, sollte nicht gezüchtet werden.
Bei der Nachzuchtbeurteilung versuchen Züchter und Verein, möglichst alle Nachkommen aus einer Verpaarung zu sehen. Für die Besitzer der Hunde ist es eine schöne Gelegenheit, sich gegenseitig auszutauschen, Geschwister, Mutter und Vater des Wurfes zu sehen und ein bisschen ins Vereinsleben zu schnuppern; für die Teilnahme an der NZB ist aber keine Mitgliedschaft erforderlich. Für die Geschwister eines Wurfes kann es eine Gelegenheit sein, bei einem Treffen – abseits des Hundeplatzes oder nach der Veranstaltung – miteinander ausgelassen zu spielen. (Anmerkung: Sofern die Hunde sich noch vertragen und es nicht in einer Rauferei endet.)

ERSCHEINUNGSBILD
Sehr selten werden bereits in der Nachzuchtbeurteilung zuchtausschließende Merkmale festgestellt. Dennoch kommt es vor.
Als Verein wollen wir die Rasse Hovawart in Erscheinungsbild und im Wesen erhalten. Wenn Zuchtausschlüsse bei Nachzuchtbeurteilungen ausgesprochen werden, dann sind häufig fehlende Zähne die Ursache.
Ein Hund sollte 42 Zähne haben: 20 Zähne im Oberkiefer und 22 Zähne im Unterkiefer. Fehlen dürfen die kleinen Backenzähne (M3 – das M steht für Molaren) im Unterkiefer. Auch bei fehlendem 1. Prämolar, P1 – das sind die kleinen Zähne links und rechts neben den Canini (Fangzähne), wird noch kein Zuchtausschluss eingetragen. Fehlen jedoch mehr als zwei Zähne M3 oder P1, wird auch dann der Hund nicht zur Zucht zugelassen. Es gibt aber die Möglichkeit zu überprüfen, ob die P1 nur sehr klein sind und deswegen das Zahnfleisch nicht durchstoßen haben. Das kommt vor, ist aber selten. Manchmal sind die P1 auch doppelt angelegt – auch das ist kein Problem – gibt aber keine Pluspunkte. Ab und zu werden Kieferfehlstellungen festgestellt. Das sind sogenannte VOK (Verkürzter Oberkiefer) oder VUK (Verkürzter Unterkiefer). Sehr selten kommen Kreuzbisse vor. Meistens fällt so eine Fehlstellung erst bei der Nachzuchtbeurteilung auf. Oft bereiten sie dem Hund aber keine Probleme. Da sich diese Fehlstellungen jedoch stark vererben, sind wir als Verein damit sensibel. Betroffene Hunde werden von der Zucht ausgeschlossen.

Werden Welpen mit vielen weißen Haaren geboren, vermerkt der Zuchtwart bei der Wurfabnahme, dass beim Hund die Entwicklung dieser weißen Körperstellen abgewartet werden muss. Meistens wächst der Hund „drumherum“ und zum Beispiel ein weißer Brustfleck, wächst nicht mit. Ein weißer Fleck auf der Brust führt nicht unbedingt zum Zuchtausschluss. Manche Hundesportler sprechen respektvoll von „Leistungsweiß“. (Machen Sie sich keine Hoffnung – die Leistungsrichter geben für einen weißen Brustfleck keine Extrapunkte!)
Hat ein Hund zu viel weiße Haare oder befinden sich weiße Abzeichen an Körperstellen, wo sie nicht sein dürfen (z.B. Kehle, Bauch oder Innenschenkel) kann auch bei der NZB bereits ein Zuchtausschluss eingetragen werden.

Die Rute und die Rutenhaltung werden ebenfalls beurteilt. Selten kommen im Skelett der Rute Wirbelkörper vor, die nicht normal ausgebildet sind. Wird bei einem Hund bei der NZB eine Auffälligkeit festgestellt, besteht der Verdacht einer Rutenanomalie. In dem Fall muss die Rute geröntgt werden, um zu klären, ob die Veränderung an der Rute z.B. aus einer Verletzung resultiert oder ob es sich tatsächlich um eine Fehlbildung eines oder mehrerer Wirbelkörper handelt.
Die Ohren eines Hovawarts sollten am Kopf anliegen, Manchmal ist das nicht der Fall. Liegen die Ohren nicht an oder stehen sogar ab (eins oder beide) wird, je nach Ausprägung, ebenfalls ein Zuchtausschluss in die Ahnentafel eingetragen. Die Ursachen für nicht anliegende Ohren sind vielfältig.

Während des Zahnwechsels haben Hunde manchmal Schmerzen und ziehen dann die Ohren nach hinten. Achten Sie darauf, dass Ihr Junghund in dieser Zeit geeignete Kauartikel bekommt. Nicht anliegende Ohren vererben sich. Als vor 100 Jahren die Reinzucht der Hovawarte begann, waren auch Schäferhunde mit von der Partie. Wer weiß, ob nicht die Ohren des Schäferhundes noch ab und zu „durchschlagen“?

NUTZEN FÜR DEN HOVAWART
Auch wenn ich einleitend Merkmale beschrieben habe, die zum Zuchtausschluss führen – sie kommen nur selten vor. Das ist so, weil es dem RZV und den Züchtern bzw. Richtern in der Vergangenheit gelungen ist, sehr viele Hunde in den Nachzuchtbeurteilungen zu sehen. So wissen wir, ob eine Verpaarung erfolgreich war und ob die Eltern möglicherweise zum Beispiel fehlende Zähne vererben. Dieses Wissen ermöglicht Züchtern und Zuchtwarten bei den Verpaarungen darauf zu achten und Verpaarungen so zu planen, dass möglichst keines dieser Merkmale auftritt. Sie profitieren als Hovawartbesitzer davon, dass vor Ihrem Hund viele andere Hovawarte bei Nachzuchtbeurteilungen vorgestellt wurden. Als Teilnehmer einer NZB leisten Sie mit Ihrem Hund einen wichtigen Beitrag für zukünftige Generationen.

Das gilt im Übrigen auch für das HD-Röntgen. Nur weil in den letzten Jahren der größte Teil der im RZV geborenen Hunde geröntgt wurden, werden heute kaum noch Hunde geboren, welche an einer Fehlbildung der Hüftgelenke leiden. Fast alle Hovawartbesitzer sind nach einer Nachzuchtbeurteilung stolz auf ihren Hund. Zu hören, dass der eigene Hund ein schöner Vertreter seiner Rasse ist, macht stolz. Da machen wir uns alle nichts vor. Das ist so, wenn es fremde Menschen sagen und erst recht, wenn es aus dem Munde eines Richters kommt. Besitzer eines jungen Rüden, die gebeten werden, doch bitte mit dem Hund auch zur Jugendbeurteilung und zur Zuchttauglichkeitsprüfung zu erscheinen, lächeln und wachsen noch auf dem Hundeplatz um mindestens einige Zentimeter. Das sind die schönsten Momente für mich als Zuchtwartin bei einer NZB. Manche Hovawartbesitzer wissen gar nicht, wie schön ihr Hund ist. Und werden Hündinnen gelobt, dann überlegt mancher der stolzen Besitzer, ob es nicht schön wäre, mit der Hündin zu züchten.

WESENSBEURTEILUNG
Schon bei der Nachzuchtbeurteilung wird das Wesen des Hundes überprüft. Wir wünschen uns lebhafte, selbstbewusste Hovawarte mit guter Bindung an ihre Menschen. Das Wesen beurteilen wir bei der NZB einerseits mit dem Verhalten des Hundes bei der Überprüfung des Erscheinungsbildes (Messen, Zähne zeigen und Anfassen lassen) und andererseits auf dem Platz mit einer Rasselkette, mit einer Puppe, dem Spielverhalten und dem Verhalten gegenüber fremden Menschen.

Je nachdem, wie alt ein Hund bei der NZB ist und welches Stadium seiner Entwicklung er gerade durchläuft, agieren und reagieren die Hunde vollkommen unterschiedlich. Für die Besitzer ist es oft sehr spannend, wie der Hund zum Beispiel auf die scheppernde Kette reagiert – oder auf eine Puppe, die aussieht, wie ein Mensch aber anders riecht und eben keiner ist. Manche Hunde protestieren lautstark und geben selbstbewusst zur Kenntnis, dass es sich nicht gehört, so zu tun, als wäre man ein Mensch. Manche Hovawarte bleiben völlig neutral. Sie wissen, dass es Dinge gibt, die aussehen wie Menschen und trotzdem keine sind. Andere gehen die Sache ein bisschen vorsichtiger an und gucken, wie Frauchen oder Herrchen die Lage einschätzt.

All das ist kein Problem. – Im Gegenteil! Es sagt viel über den Hund aus. Menschen, die ihren ersten Hund oder ihren ersten Hovawart haben, profitieren von der Einschätzung des Verhaltens und vielleicht auch von Empfehlungen der Richter.

ZUCHTAUSSCHLUSS – WAS NUN?
Viele Teilnehmer an Nachzuchtbeurteilungen sind der Bitte des Züchters gefolgt und stellen ihren Hund vor. Nur wenige Hovawartfreunde sind an Zucht interessiert. Manchmal sind Hovawartbesitzer, für deren Hund bei der NZB ein Zuchtausschluss eingetragen wurde, dennoch sehr enttäuscht. Das ein Ohr nicht ganz anliegt – worin besteht das Drama? Das ein Zahn fehlt – so what? Wenn Sie ohnehin nicht züchten wollten? Den Hund stört es nicht. Und Sie haben bis zur NZB vielleicht nicht einmal geahnt, dass es zwischen Ihrem (dem schönsten Hovawart der Welt) und dem FCI-Standard 190 ein paar Reibungspunkte gibt.
Wenn Ihr Hund bei der NZB noch sehr jung ist, dann stellen Sie ihn einfach später nochmal vor. Manchmal verändern sich Merkmale. Richter – und das ist menschlich – bewerten einen Hund möglichst objektiv, aber dennoch subjektiv. Sollten Sie mit einem Zuchtausschluss nicht einverstanden sein, wenden Sie sich an den Richterobmann. Einen Verdacht auf Rutenanomalie oder fehlende Zähne kann man per Röntgenuntersuchung – vielleicht mit dem HD-Röntgen – abklären.

DIE VORBEREITUNG AUF EINE NACHZUCHTBEURTEILUNG
Bei der Nachzuchtbeurteilung wird ihr Hund zu Beginn gemessen und die Zähne werden angeschaut. Dafür sollte sich Ihr Hund problemlos von fremden Menschen anfassen lassen. Mancher junge Rüde ist bei einem Griff zwischen die Hinterbeine durchaus irritiert. Das darf er! Hoden „zählen“ gehört nun mal dazu. Auch das Anfassen und Abtasten der Rute erzeugt meistens kein Hochgefühl bei Madam oder Monsieur Hovawart. Angefasst zu werden, sollte für keinen Hovawart ein Problem sein.

Nicht nur bei Zuchtveranstaltungen ist es gut, wenn der Hund Berührungen durch fremde Menschen toleriert, wenn er es nicht mag angefasst zu werden. Auch ein Tierarzt freut sich, wenn er Ihren Hund untersuchen und das Gebiss anschauen darf, ohne sich von ein paar Fingern zu verabschieden. Richter und auch Zuchtwarte sind erfahren und wissen, wie man mit einem jungen Hund umgeht. Manchmal braucht es eben ein bisschen Zeit.
‚Zähne zeigen‘ und ‚angefasst werden‘ lernen Hunde in der (RZV-) Welpenschule. Hunde reagieren gelassener, wenn sie viele positive Erfahrungen gemacht haben. Fördern Sie Ihren jungen Hovawart – überfordern Sie ihn aber nicht.

ZUM SCHLUSS:
Seien Sie gewiss: Bei keiner Zuchtveranstaltung ist es das Ziel der Richter oder Körmeister, Zuchtausschlüsse auszusprechen. Manchmal entspricht jedoch auch ein sorgfältig gezüchteter Hovawart trotz gewissenhafter Planung nicht dem, was im Standard für Hovawarte steht. Dann muss der Richter im Dienst der Rasse und der Erhaltung des Erscheinungsbildes entscheiden und handeln. Manches Merkmal etabliert sich schnell in einer Population und führt dann dazu, dass unter Umständen über wenige Generationen ein erheblich vom Standard abweichendes Merkmal bei vielen Hunden auftritt. Das wollen wir als Verein nicht.
Ich habe weiter oben im Text von zuchtausschließenden Merkmalen geschrieben – nicht von Fehlern. Ich wünschte mir, dass wir – und damit meine ich uns Hundebesitzer – in der Rassehundezucht aufhören, Perfektion zu erwarten. Perfekte Lebewesen gibt es nicht. Weder Menschen noch Hunde sind perfekt. Wenn Richter oder Körmeister ein Merkmal eines Hundes kritisch hervorheben, dann nur, damit dieses Merkmal bei einer zukünftigen Verpaarung Berücksichtigung findet und sich nicht in der Population ausbreitet. Das hat in den letzten Jahren gut geklappt. Die meisten Hovawartbesitzer können das bestätigen.
Ich würde mich freuen, wenn Sie mit Ihrem Hund zu einer Nachzuchtbeurteilung kommen. Es ist uns wichtig. Sie und Ihr Hund sind uns wichtig.

NACHZUCHTBEURTEILUNG – So geht’s:
Mindestalter des Hundes: 6 Monate; Höchstalter: keins; Kosten: 20 EUR
Wo finden Nachzuchtbeurteilungen (NZB) statt und wie kann man sich anmelden?
In unserer Veranstaltungsliste finden Sie u.a. alle Termine zu Zuchtprüfungen.
Anmelden können Sie ihren Hund bequem online mit diesem Formular.


Beitrag eingestellt durch presse.olnds

Süße Hovawart Hunde