Führen oder Trainieren ?

Die Erziehung eines Hundes bedeutet zuallererst Führung zu übernehmen

Wer mit seinem Hund einen Kurs, ein Seminar oder eine Hundeschule besucht, ist in der Regel motiviert mit dem Hund zu arbeiten, zu trainieren. Oft wurde auch schon zu Hause mit dem Hund geübt. Dennoch bleiben oft die klassischen Alltagsprobleme – Hundebegegnung und Leinenziehen.


TEXT Bernd Seyberth FOTOS RZV-Archiv

Kürzlich bekam ich eine Mail von einer Kundin. Sie schrieb mir, ihr Hund würde bei jeder Hundebegegnung ausrasten und sie wolle nun intensiv trainieren, damit dies ein Ende hätte. Der Hund müsse in kürzester Zeit gesellschaftsfähig werden. Die Intention das genannte Problem anzugehen ist gut.

Der Ansatz ist zu überdenken. Oft hat gerade auch das häusliche Training maßgeblichen Einfluss auf das Verhalten des Hundes, denn Training ist nicht alles.

Der Duden definiert Training wie folgt:
„Planmäßige Durchführung eines Programms von vielfältigen Übungen zur Ausbildung von Können, Stärkung der Kondition und Steigerung der Leistungsfähigkeit“. In der Praxis heißt dies, ich arbeite im Training mit Belohnung und setze meine Stimme lobend und motivierend ein. Es wird viele Wiederholungen einer Übung in unterschiedlichem Kontext geben, um eine Übung zu generalisieren.

So weit, so gut.

Aber kann ich dann Hundebegegnung trainieren oder geht es hier nicht eher um Erziehung?
Würden wir bei der Erziehung und Ausbildung mehr die Parallelen zu unseren Kindern ziehen, wäre es schnell klarer. Gutes Benehmen wird erzogen, nicht trainiert. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum Thomas Baumann propagiert, im ersten Lebensjahr des Hundes zu erziehen und dann erst zu trainieren.

Was aber macht es uns so schwierig unseren Hund erfolgreich zu erziehen?
Erziehung eines Hundes heißt in erster Linie Führung zu übernehmen. Der Führende muss seinen Führungsanspruch nicht zwanghaft durchsetzen, er muss in erster Linie seine Aufgaben wahrnehmen. Diese sind Gefahrenerkennung, Gefahrenvermeidung, die Fähigkeit den Alltag zu strukturieren und lebenswichtige Regelungen für die Gemeinschaft zu treffen. Der Führende muss dem Hund zu jeder Zeit souverän erscheinen. Hatte ich eben die Parallele mit der Kindererziehung gezogen, kommt hier aber auch schon ein einschränkendes ABER.
Unsere Kinder sollen einmal mündige Bürger werden. Wir erklären daher, warum man dies macht und anderes lässt. Unser Hund muss nicht mit 18 Jahren zur Wahl gehen. Wir können uns also das „Warum“ sparen. Wir müssen uns nicht erklären, wenn wir etwas von unserem Vierbeiner möchten. Im Gegenteil: Wenn wir dem Hund ein Kommando geben, dann sollten wir es auch verbindlich einfordern. Das Blöde im Umgang mit unseren Fellnasen ist, dass wir unter ihrer permanenten Beobachtung stehen. Unsere Hunde führen vermutlich ein Souveränitäts-Konto für uns. Jede unserer Handlungen wird dort unmittelbar auf der Soll- oder Haben-Seite verbucht.

Zur Veranschaulichung ein paar Beispiele:
Eine Kundin schickt ihren Hund ins „Sitz“. Auf meine Frage, was denn ihr Kommando sei, sagt sie: „Erst sage ich SITZ und dann sage ich so lange SITZEN, bis er sitzt.“ Der Hund verbucht dies klar auf der Soll-Seite. Frauchen geht ja schon davon aus, dass er nicht macht, was sie ihm sagt.
Wie oft verschwindet unsere Hand mit dem Leckerli hinter dem Bein oder dem Rücken? Ist das souverän? Muss ich das Futter vor meinem Hund verstecken?
Klar verbucht unter SOLL.
Das Spieli fällt uns runter. Jetzt müssen wir es schnell an uns reißen und ab damit hinter den Rücken, sonst erwischt es die Fellnase. Klar, oder? Buchung unter SOLL.
Es klingelt an der Türe. Logisch, für wen der Besuch ist, und dass Bello ganz vorn steht zum Begrüßen. Auch klar sollte nun sein, auf welches Buchungskonto das geht.
Oft kommt das Trainieren noch als kontraproduktives Element hinzu. Man übt mit dem Hund, und es klappt aber nicht so toll.
Zu oft sind wir dann mit einer halbherzigen Ausführung zufrieden. Der Hund soll sitzen, er legt sich aber hin. Na gut, gibt es halt fürs Hinlegen ein Leckerli.

So gibt es ganz viele Dinge, die unser Hund wahrnimmt und für sich wertet. Nun kann ich aber nicht erwarten, dass mein Hund mich in der Hundebegegnung ernst nimmt und nicht einen auf „dicke Hose“ macht, wenn ich mich bei kleinen Alltagsdingen schon nicht souverän zeige.

Kennt ihr die Situation, dass euch etwas von der Küchenanrichte oder vom Tisch fällt und die Fellnase saugt es schneller auf, als ihr „Dyson“ denken könnt. Wenn es bei euch nicht zur lieben Gewohnheit geworden ist, dass „zufällig“ immer etwas herunterfällt, probiert doch mal Folgendes:
Euch fällt ein Stückchen Käse herunter. Da ihr wisst was kommt, könnt ihr angepasst reagieren. Kommt die Fellnase näher, macht ihr einen kleinen Schritt in Richtung Käse (nicht auf den Käse) und beansprucht ihn wie selbstverständlich für euch: Körperspannung und vielleicht ein kleines „Hey!“
Anschließend wendet ihr euch wieder eurer Arbeit auf der Anrichte zu. Der Käse bleibt liegen. Akzeptiert Bello dies nicht aufs erste Mal, kommt das Gleiche mit etwas mehr Nachdruck noch einmal. An sich sollte dies aber nicht nötig sein. Hat Bello euren Anspruch anerkannt, lasst ihr den Käse liegen und geht dann für einen Moment aus der Küche. Habt ihr euren Anspruch klar gemacht, wird der Käse dort liegen, bis er schimmelt.
Es wird abgesehen von einem kleinen „Hey“ nicht gesprochen. Es wird nicht gelobt, es wird nicht belohnt. Es ist selbstverständlich, dass euer Anspruch anerkannt wird. Hat es geklappt – große Buchung auf der Haben-Seite. So ähnlich funktioniert das übrigens auch beim Spieli.

Hier wird nun auch der Unterschied zwischen Führen (Erziehen) und Trainieren deutlich. Wenn ich führe, ist es selbstverständlich, dass mir mein Hund folgt. Es wird hier kein unnötiger „Text“ produziert und selbstverständlich zu erwartendes Verhalten wird nicht belohnt. Ich muss meinen Hund nicht dafür belohnen, dass er mich nicht anspringt. Ich muss es aber unterbinden, wenn er es tut. Ich trainiere also keine Leinenführigkeit. Ich trainiere keine Hundebegegnungen. Dies ist kein Training im Sinne der Duden-Definition. Ich hänge den Hund an das Halsband, und das ist sein Signal, nun ordentlich neben mir zu laufen. Wenn er dies noch nicht versteht, fordere ich es ein – körpersprachlich ohne Text. In der Hundebegegnung zeige ich dem Hund durch meine Körpersprache, dass nichts Besonderes passiert.
Wir gehen am anderen Mensch-Hund-Team vorbei. Kein Lob, kein Leckerli! Wofür auch, es war doch nichts Besonderes. Alles unter Kontrolle. Dies setzt aber voraus, dass ich auch die möglichen Stolperfallen kenne. Wir wissen, dass unser Blick die Aufmerksamkeit des Hundes lenkt. Genau aus diesem Grund werden wir das andere Team nicht schon aus 50 Meter Entfernung fixieren. Stimmungsübertragung! Bin ich locker, ist mein Hund locker. Ein kurzer (!) Blick mit einem freundlichen Gruß, wenn wir am anderen Team vorbeigehen, zeigt Bello, dass es nichts zu befürchten gibt.

Also ist alles nur schwarz oder weiß?
Natürlich nicht. Es geht nur darum, die Mechanismen zu erkennen. Auch ich bin nicht immer konsequent, aber ich bin mir sicher, dass mein Kontostand bei Arando stets im HABEN ist. Dabei hilft mir auch, dass immer wieder mal ein „Der tut nix“ angerannt kommt. Arando hat darauf keinen Bock. Er darf dann hinter mich, und ich regele es, was mir eine große Buchung auf der Haben-Seite einbringt.
Es spricht natürlich nichts dagegen mit seinem Hund zu trainieren. Man sollte nur wissen, wo die Grenze von Trainieren und Erziehen verläuft, und wo die Prioritäten jeweils liegen sollten. Wenn trainiert wird, dann auch mit passender Konsequenz. Überlegt euch, ob das, was ihr eurem Hund vorlebt für ihn souverän ist. Beobachtet euch selbst und lasst euch gegebenenfalls einmal beobachten. Wichtig ist mir vor allem, dass wir fair bleiben. Unser Hund kann in der Regel nichts dafür, wenn er sich bei jeder Hundebegegnung aufregt. Er macht das nicht, um uns zu ärgern. Im Gegenteil, er übernimmt eine Aufgabe, der er nicht gewachsen ist. Er übernimmt die Führung in unserem Team, weil unser Souveränitäts-Konto so weit ins Soll gerutscht ist, dass er uns die Führung nicht mehr zutrauen kann. Und auch das verflixte Konto führt er nicht um uns zu ärgern. Er kann nicht anders. Er ist genetisch so programmiert, dass einer im Rudel die Führung übernehmen muss.

Nun ist es also an uns, unser Zusammenleben mit der Fellnase zu überdenken und einmal über die bisherigen Buchungen nachzudenken. Mit Augenmaß trainieren, zu gegebener Zeit erziehen und unser eigenes Verhalten stets kritisch zu reflektieren, so kann der Traum von einem Dream-Team Wirklichkeit werden.

Bernd Seyberth

hat Maschinenbau und Germanistik zum Berufspädagogen studiert.
Schon seit seiner Kindheit begleiten Hunde, wenn auch mit Unterbrechungen, sein Leben.
Er führt eine Hundeschule bei Kempten im Allgäu gemeinsam mit seiner Ehefrau Margit.
Mit den beiden leben die Hovawarte Arando vom Rissgarten und Canberra vom Weltenbummler.
Neben der Leidenschaft für das Mantrailing hat die beiden die Hundearbeit nach der Idee einer gewaltfreien,
aber liebevoll-konsequenten Erziehung gepackt.
Bernd ist lizensierter CreaCanis-Trainer und als Fachberater „Hund“ im Vorstand des Tierschutzvereins Kempten-Allgäu tätig.
Im Tierheim Kempten arbeitet er ehrenamtlich zur Resozialisierung von beißauffällig gewordenen Hunden.


Beitrag eingestellt durch presse.olnds

Süße Hovawart Hunde